[Die heilige Hildegard schildert eine Vision, in der Laster und Tugend einander gegenüberstehen:]
Die Worte der Habsucht: „Ich bin nicht töricht […]. Ich reiße alles an mich und sammle alles in meinem Schoß, und je mehr ich an mich heranziehe, umso mehr besitze ich. Es ist mir ja viel nützlicher, selbst über das Notwendige zu verfügen, als wenn ich andere darum anflehen müsste. Ebensowenig ist es eine Sünde, wenn ich demjenigen, der mehr als das Nötige hat, das Angehäufte wegnehme. Wenn ich nämlich alles habe, was ich will, dann brauche ich mir keine Sorgen mehr zu machen, dass ich jemand anderen um etwas bitten müsste. Sobald ich alles, was ich will, in meinem Besitz sehe, werde ich mir alles nach Wunsch erfüllen, was mich ergötzt. Dann fürchte ich niemanden, sondern lebe vielmehr im Glück und habe es nicht nötig, bei einem anderen um Barmherzigkeit zu betteln. Denn in meiner Härte liegt eine schlaue Weisheit, und alles, was mir gehört, fordere ich ein, und niemand kann mich täuschen. Was habe ich angesichts von Drohungen zu befürchten, da mir doch niemand etwas anhaben kann? Ich bin weder Dieb noch Räuber, aber dank meiner Geschicklichkeit nehme ich mir alles, was ich will.“
Die Worte der lauteren Zufriedenheit: „O teuflischer Trug! Du gehst schnell auf Beute aus wie ein Wolf, und wie ein Geier verschlingst du fremde Sachen! […] Du lebst in Härte und vergisst in allem Gott, weil du nicht auf Gott vertraust. Du bist rau und hart, ohne Barmherzigkeit, weil du anderen keinen Erfolg gönnst. Du beziehst deinen Lebensunterhalt aus dem, was anderen gehört, weil dir nichts genügt. Ich aber bin mit allen Gaben Gottes zufrieden und freue mich, denn ich setze auf Gott mein Vertrauen. Ich küsse die Sonne, denn sie ist meine Freude, ich umarme den Mond, denn ich liebe ihn, und was sie wachsen lassen, genügt mir. Warum sollte ich mehr begehren, als ich brauche? Ich bringe einem jeden Barmherzigkeit entgegen; milde bin ich und allen nützlich. […] Ich halte Festmahl mit dem König, denn ich bin die Tochter des Königs.“
Quelle: Evangelizo