„Ein Jünger steht nicht über dem Meister. Jeder aber, der alles gelernt hat, wird wie sein Meister sein“ (Lk 6,40). Die glücklichen Jünger waren dazu bestimmt, die geistlichen Führer und Lehrer der ganzen Welt zu sein. Sie mussten also mehr als die anderen einen beachtlichen Eifer an den Tag legen, vertrauter sein mit einer Lebensweise nach dem Evangelium und daran gewöhnt, jede Art guter Werke zu tun. Sie sollten ja ihren Schülern die genaue, heilsame und mit der Wahrheit streng übereinstimmende Lehre vermitteln, diese aber zuerst selber verinnerlichen und ihren Verstand vom göttlichen Licht erleuchten lassen. Sonst wären sie Blinde, die Blinde führen. Denn wer vom Dunkel der Unwissenheit umfangen ist, kann keinesfalls Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit führen, die unter der gleichen Unwissenheit leiden. Und wenn er es tun wollte, fielen sie alle zusammen in den Abgrund ihrer schlechten Neigungen.
Deshalb hat der Herr dem Hang zur Großsprecherei, den man an so vielen Leuten feststellt, Einhalt gebieten und die Menschen davon abbringen wollen, mit ihren Lehrern um das höhere Ansehen zu wetteifern. Er hat zu ihnen gesagt: „Ein Jünger steht nicht über dem Meister“. Selbst wenn es Menschen gibt, die sich an Tugendhaftigkeit mit ihren Vorgängern messen können, sollen sie ihnen vor allem in der Bescheidenheit nacheifern. Zum Beweis dafür sagt Paulus: „Nehmt mich zum Vorbild, wie ich Christus zum Vorbild nehme“ (1 Kor 11,1).
Weil das so ist: Warum also urteilst du, während der Meister sich noch des Urteils enthält? Er ist nicht gekommen, um die Welt zu richten (vgl. Joh 12,47), sondern um ihr Gnade zu erweisen. […] „Wenn ich nicht urteile“, sagt er, „so urteile auch du nicht, der du mein Schüler bist. Vielleicht hast du größere Schuld als der, den du richtest. […] Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders?“
Quelle: Evangelizo