Tagesevangelium

Joseph Kardinal Ratzinger

Im Evangelium fordert uns Jesus zum Gebet auf: „Bittet, dann wird euch gegeben; sucht, dann werdet ihr finden; klopft an, dann wird euch geöffnet“. Diese Worte Jesu sind von großer Bedeutung, nicht nur, weil sie die Beziehung zwischen Gott und dem Menschen so darstellen, wie sie wirklich ist, sondern auch, weil sie Antwort geben auf ein Grundproblem der gesamten Religionsgeschichte und auch unseres eigenen Lebens: Ist es recht und gut, Gott um etwas zu bitten? Oder besteht nicht etwa die einzige, der Transzendenz und Größe Gottes entsprechende Antwort darin, dass man ihn rühmt, ihn anbetet, ihm dankt – also in einem uneigennützigen Gebet? [...]

Diese Befürchtung ist Jesus fremd. Jesus lehrt keinen Glauben für Eliten, keinen völlig uneigennützigen Glauben. Das Gottesbild, das uns Jesus aufzeigt, ist anders. Sein Gott ist sehr menschlich, er ist gut und mächtig. Der Glaube Jesu ist sehr menschlich, sehr einfach – es ist der Glaube einfacher Menschen. „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast“ (Mt 11,25). Die Unmündigen, also diejenigen, die Gottes Hilfe brauchen und das auch sagen, erkennen die Wahrheit viel besser als die Intelligenten. Diese verwerfen das Bittgebet und lassen nur das uneigennützige Lobgebet zu; sie konstruieren so eine Selbstgenügsamkeit des Menschen, die nicht seiner Bedürftigkeit entspricht, wie sie das „Hilf mir!“ der Ester zum Ausdruck bringt. Hinter der noblen Haltung, die Gott mit unseren kleinen Missgeschicken nicht belästigen will, verbirgt sich folgender Zweifel: Hat Gott denn die Macht, auf die Realitäten unseres Lebens entsprechend zu reagieren? Kann Gott denn unsere Verhältnisse verändern und hereintreten in die Wirklichkeit unseres irdischen Lebens? […] Wenn Gott nicht handelt, wenn er keine Macht hat über die konkreten Ereignisse in unserem Leben – wie kann Gott dann Gott bleiben? Und wenn Gott die Liebe ist – findet denn die Liebe nicht eine Möglichkeit, der Hoffnung dessen zu entsprechen, den sie liebt? Wenn Gott Liebe ist, aber uns im konkreten Leben nicht helfen könnte, wäre die Liebe nicht die größte Macht der Welt.

Quelle: Evangelizo

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