Tagesevangelium

Hl. John Henry Newman

So verhält es sich mit dem verborgenen Reich Gottes: So, wie es jetzt verborgen ist, so wird es, wenn die Zeit dafür gekommen ist, offenbar werden. Die Menschen glauben, sie seien die Herren der Welt und könnten tun, was sie wollen. […] Derzeit „bleibt alles“, so scheint es, „wie von Anfang der Schöpfung an“, und die Spötter fragen: „Wo bleibt denn seine verheißene Ankunft?“ (2 Petr 3,4). Doch zur festgesetzten Zeit wird es ein „Offenbarwerden der Söhne Gottes“ geben, und die [jetzt noch] verborgenen Heiligen „werden im Reich ihres Vaters wie die Sonne leuchten“ (Röm 8,19; Mt 13,43).

Als die Engel den Hirten erschienen, geschah dies plötzlich. […] Die Nacht schien vorher wie jede andere Nacht zu sein; so wie der Abend, an dem Jakob seine Vision hatte, wie jeder andere Abend zu sein schien (vgl. Gen 28, 11 f). Die Hirten hielten Wache bei ihren Herden, sie sahen zu, wie die Nacht verging, wie die Sterne weiterzogen – es war Mitternacht. Sie ahnten nichts von all dem, als der Engel erschien. Solcherart sind die Kraft und die Wirksamkeit, die in sichtbaren Dingen verborgen sind; sie werden offenbar, wenn Gott es will. […]

Wer hätte sich zwei oder drei Monate vor dem Frühling vorstellen können, dass die Natur, die doch so leblos schien, so prächtig und mannigfaltig werden würde? […] So ist es auch mit dem Kommen des Ewigen Frühlings, auf den alle Christen warten. Er wird kommen, auch wenn er sich verzögert; doch auch wenn er auf sich warten lässt, wollen wir auf ihn warten, denn ganz sicher „wird er kommen und er bleibt nicht aus“ (vgl. Hebr 10,37; Hab 2,3). Deshalb sprechen wir Tag für Tag: „Dein Reich komme“, was bedeutet: „O Herr, zeige dich, offenbare dich; der du auf den Kerubim thronst, erscheine. Wecke deine gewaltige Kraft und komm uns zu Hilfe!“ (vgl. Ps 79,2-3). Die Erde, die wir sehen, befriedigt uns nicht; sie ist nur ein Anfang; sie ist nur eine Verheißung von etwas, das über sie hinausgeht; selbst wenn sie am schönsten ist, in all ihrer Blütenpracht, und auf berührendste Weise zeigt, was in ihr verborgen liegt, reicht sie doch nicht aus. Wir wissen, dass viel mehr in ihr verborgen liegt, als wir sehen […]. Was wir sehen, ist die äußere Hülle eines ewigen Reiches; und auf dieses Reich richten wir die Augen unseres Glaubens.

Quelle: Evangelizo

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