Tagesevangelium

Benedikt XVI.

Als Jesus sich in einem kritischen Augenblick seines Lebens entschloss, nach Betanien zu gehen, um Lazarus wiederzuerwecken, kam er Jerusalem gefährlich nahe (vgl. Mk 10,32). Damals sagte Thomas zu den anderen Jüngern: „Dann lasst uns mit ihm gehen, um mit ihm zu sterben“ (Joh 11,16). Diese seine Entschlossenheit in der Nachfolge des Meisters ist wirklich beispielhaft und bietet uns eine wertvolle Lehre: Sie offenbart die totale Verfügbarkeit in der Treue zu Jesus, bis hin zur Identifikation des eigenen Schicksals mit dem seinen und dem Wunsch, mit ihm die höchste Prüfung des Todes zu teilen. Wenn in den Evangelien das Verb „nachfolgen“ gebraucht wird, wollen sie damit ausdrücken: Wohin Jesus geht, dorthin muss auch sein Jünger gehen. Auf diese Weise wird das christliche Leben als ein Leben mit Jesus Christus bestimmt: zusammen sterben, zusammen leben, in seinem Herzen wohnen, wie er in unserem Herzen wohnt.

Ein zweites Eingreifen des Thomas ist im Bericht vom Letzten Abendmahl enthalten. Hier sagt Jesus nach der Ankündigung seines bevorstehenden Todes, dass er gehe, um für die Jünger einen Platz vorzubereiten, damit auch sie dort seien, wo er ist; und er erläutert ihnen: „Und wohin ich gehe – den Weg dorthin kennt ihr“ (Joh 14,4). Da greift Thomas ein und sagt: „Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie sollen wir dann den Weg kennen?“ (Joh 14,5). Seine Frage veranlasst Jesus, das berühmte Wort auszusprechen: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6). Es ist also primär Thomas, an den sich diese Offenbarung richtet; sie gilt aber für uns alle und für alle Zeiten.

Gleichzeitig gibt seine Frage auch uns sozusagen das Recht, Jesus um Erklärungen zu bitten. Oft begreifen wir ihn nicht. Haben wir den Mut zu sagen: Ich verstehe dich nicht, Herr, höre mich, hilf mir zu begreifen! Auf diese Weise, mit diesem Freimut, der die wahre Art des Betens, des Sprechens mit Jesus ist, bringen wir die Begrenztheit unserer Verständnisfähigkeit zum Ausdruck, während wir gleichzeitig die vertrauensvolle Haltung desjenigen einnehmen, der das Licht und die Kraft von dem erwartet, der sie zu schenken vermag.

Quelle: Evangelizo

zurück