Tagesevangelium

Hl. Dorotheos von Gaza

Liebe Brüder, wir stellen die Frage, warum Menschen oft so ruhig darüber wegkommen, wenn sie etwas Unangenehmes hören, als hätten sie es nicht gehört, oft ohne sich auch nur getroffen zu fühlen. Und warum sind andere gleich verwirrt und betrübt, wenn sie Unangenehmes hören? Bitte, woher kommt dieser Unterschied im Verhalten? Hat er einen Grund oder mehrere? Ich finde, darin stecken viele Gründe, ein Grund vor allem, der sämtliche andere erzeugt. […] Wenn wir genauer zusehen, ist der Grund aller Verwirrung der, dass keiner sich selbst anklagt. Von da kommt alle Verwirrung und alles Verletztsein, von da auch, dass wir keine Ruhe finden können. Wir dürfen uns nicht wundern, wenn wir von den Heiligen hören, es gebe für uns nur diesen Weg zur Ruhe. Sehen wir doch, dass niemand je einen anderen Weg ging und Ruhe fand. Und da erwarten wir, Ruhe zu finden und überhaupt den richtigen Weg einzuschlagen, wenn wir es nie über uns bringen, uns selbst anzuklagen. Tatsache ist: So viele Tugenden der Mensch auch haben mag, unzählige und unbegrenzt große – wenn er von diesem Weg abweicht, kommt er niemals zur Ruhe. Immer wird er sich verletzt fühlen oder andere verletzen. Verloren ist all seine Liebesmühe. […] Ein anderer fragt, wie er sich denn selbst anklagen soll. Er hatte in aller Friedlichkeit und Ruhe dagesessen und wurde doch verletzt, weil der Bruder mit einem unangenehmen oder schmähenden Wort über ihn kam. Weil er das nicht ertragen kann, meint er, zu Recht erzürnt und erregt zu sein; denn wenn jener nicht dazugekommen wäre, gesprochen und Verwirrung gestiftet hätte, wäre es nicht zur Sünde gekommen. Das ist sicher lächerlich und unbegründet. Hat denn der, von dem jenes Wort kam, die Leidenschaft in ihn hineingebracht? Nein, jener hat vielmehr nur gezeigt, an welcher Leidenschaft dieser krankt, damit er sich bessern kann, wenn er will.

Quelle: Evangelizo

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