Tagesevangelium

Hl. John Henry Newman

Menschen, die den unsichtbaren Gott suchen, suchen ihn in ihrem Herzen und in ihren verborgenen Gedanken, nicht aber in lauten Worten, als wäre er weit weg von ihnen. Sie sind es gewohnt, sich dorthin zurückzuziehen, wo kein menschliches Auge sie erblickt. Dort können sie, demütig und tiefen Glaubens, dem begegnen, der „ihrem Pfad und ihrem Lager nahe ist und der all ihre Schritte sieht“ (vgl. Ps. 139,3). Und Gott, der „die Herzen erforscht“ (Röm 8,27), wird sie am helllichten Tag belohnen. Das in Abgeschiedenheit und im Einklang mit dem Willen Gottes gesprochene Gebet wird wie ein Schatz in seinem Buch des Lebens (vgl. Ps 68(69),29) aufbewahrt. Vielleicht hat dieses Gebet hienieden auf eine Antwort gewartet, aber sie nicht erhalten? Vielleicht hat der Beter, auf dessen Lippen es sich formte, es selbst vergessen und ist es der Welt nie bekannt geworden? Gott jedoch behält es stets in Erinnerung, und am Jüngsten Tag, wenn die „Bücher aufgeschlagen“ werden (Offb 20,12), wird dieses Gebet bekanntgemacht werden und vor aller Welt seinen Lohn bekommen. […]

Wir wissen wohl, dass wir in gewissem Sinn den ganzen Tag über in Gebet und Betrachtung bleiben sollen (vgl. Lk 18,1). Aber […] sollen wir auch zu festgesetzten Tageszeiten auf bestimmte Art und Weise beten? Selbst wenn festgelegte Zeiten und Formeln nicht absolut notwendig sind, stellen sie dennoch eine große Hilfe dar; überdies sind sie uns von unserem Herrn ans Herz gelegt, wenn er sagt: „Wenn du betest, geh in deine Kammer“ (Mt 6,6). Sogar unser Erlöser kannte besondere Zeiten des Einswerdens mit Gott. Seine Gedanken waren wohl ein ständiger Gottesdienst, den er dem Vater erwies; doch lesen wir auch, dass „er auf einen Berg stieg, um für sich allein zu beten“, und dass „er die ganze Nacht im Gebet zu Gott verbrachte“ (Mt 14,23; Lk 6,12).

Man muss auf der Verpflichtung zu festgelegten Zeitpunkten des persönlichen Gebets bestehen; denn angesichts der Sorgen und Anforderungen des Lebens neigen wir oft dazu, sie zu vernachlässigen. Diese Verpflichtung ist weit gewichtiger als man gemeinhin denkt – selbst in den Reihen derer, die ihr nachkommen.

Quelle: Evangelizo

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