„Wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber“ (Mt 26,39). Warum hast du Simon Petrus getadelt, als er sagte: „Herr! Das darf nicht mit dir geschehen!“ (Mt 16,22), wenn du selbst nun sagst: „Wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber“? Er wusste sehr wohl, was er zu seinem Vater sagte, und dass es möglich war, dass dieser Kelch an ihm vorüberginge; aber er war ja gekommen, um ihn für alle zu trinken, um mit diesem Kelch die Schuld zu begleichen, die der Tod der Propheten und Märtyrer nicht tilgen konnte. […] Er, der seine Hinrichtung in den Schriften der Propheten beschrieben und das Mysterium seines Todes in den Gerechten angedeutet hatte, entzog sich diesem Tod nicht, als die Zeit dafür gekommen war. Wenn er sich dem Kelch hätte entziehen wollen, ihn nicht hätte trinken wollen, dann hätte er seinen Leib nicht mit dem Tempel verglichen: „Reißt diesen Tempel nieder, in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten“ (Joh 2,19); dann hätte er nicht zu den Söhnen des Zebedäus gesagt: „Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde?“ (Mt 20,22) und „Ich muss mit einer Taufe getauft werden, und ich bin sehr bedrückt, solange sie noch nicht vollzogen ist“ (Lk 12,50). […]
„Wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber.“ Er sagte das wegen der Schwachheit, die er nicht zum Schein, sondern wirklich angenommen hatte. Da er sich klein gemacht und wirklich unsere Schwachheit angenommen hatte, musste er sich auch in seiner Schwachheit fürchten und erschüttert sein. Da er Fleisch geworden war und die menschliche Schwachheit angenommen hatte, aß er, wenn er Hunger hatte, wurde müde von der Arbeit, wurde vom Schlaf überwältigt: Alles, was an das Fleisch gebunden war, musste vollbracht sein, als die Zeit seines Todes kam. […]
Um seinen Jüngern durch seine Passion Trost zu spenden, wollte Jesus empfinden, was sie empfanden. Er nahm ihre Angst auf sich, um ihnen zu zeigen, dass er eine fühlende Seele hatte wie sie und dass man sich des Todes nicht rühmen darf, bevor man ihn erlitten hat. Wenn nun er, der sich sonst vor nichts fürchtete, Angst hatte und darum bat, daraus befreit zu werden, obwohl er doch wusste, dass dies unmöglich war: Um wieviel mehr müssen dann die anderen schon vor der Versuchung im Gebet verharren, damit sie daraus befreit werden, wenn diese naht. […] Um denen Mut zu machen, die Angst hatten vor dem Tod, verbarg er seine eigene Angst nicht; sie sollten wissen, dass diese Angst nicht zur Sünde führt, sofern sie nicht in der Angst verharren. „Nein, Vater“, sagte Jesus, „nicht wie ich will, sondern wie du willst. Dein Wille geschehe“: nämlich dass ich sterbe, um vielen das Leben zu geben.
Quelle: Evangelizo