Wenn es ein bezeichnendes Thema gibt, das in den Schriften des Johannes hervortritt, dann ist es das Thema der Liebe. […] Sicher ist Johannes nicht der einzige Autor aus der Anfangszeit des Christentums, der über die Liebe spricht. Weil sie ein wesentlicher Bestandteil des Christentums ist, sprechen alle Verfasser des Neuen Testaments von ihr, wenn auch mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Wenn wir jetzt über dieses Thema bei Johannes eingehender nachdenken, dann deshalb, weil er das Thema in seinen Hauptlinien eindringlich und anschaulich umrissen hat. Wir vertrauen uns also seinen Worten an.
Eines ist sicher: Er verfasst keine abstrakte philosophische oder auch theologische Abhandlung darüber, was Liebe ist. Nein, er ist kein Theoretiker. Wahre Liebe ist ihrer Natur nach nie rein spekulativ, sondern sie ist Ausdruck einer direkten, konkreten und nachvollziehbaren Beziehung zu wirklichen Personen. Johannes also zeigt uns als Apostel und Freund Jesu, was die Bestandteile oder besser die Phasen der christlichen Liebe sind, eine Bewegung, für die drei Momente charakteristisch sind.
Das erste betrifft die Quelle der Liebe, die der Apostel in Gott ausmacht, was ihn – wie wir gehört haben – dazu führt zu sagen: „Gott ist die Liebe“ (1 Joh 4,8.16). Johannes ist der einzige Autor des Neuen Testaments, der uns fast eine Art Definition Gottes schenkt. Er sagt zum Beispiel: „Gott ist Geist“ (Joh 4,24) oder „Gott ist Licht“ (1 Joh 1,5). Hier verkündet er mit bewundernswerter Intuition, dass Gott die Liebe ist. Man beachte: Es heißt nicht einfach, dass „Gott liebt“ und noch weniger, dass „die Liebe Gott ist“! Mit anderen Worten: Johannes beschränkt sich nicht darauf, das Handeln Gottes zu beschreiben, sondern er dringt bis zu dessen Wurzeln vor. Außerdem hat er nicht die Absicht, einer allgemeinen und vielleicht unpersönlichen Liebe göttliche Eigenschaft zuzuschreiben; er steigt nicht von der Liebe zu Gott auf, sondern er wendet sich direkt Gott zu, um sein Wesen durch die unendliche Dimension der Liebe zu definieren. Damit will Johannes sagen, dass das Wesen Gottes Liebe ist und deshalb alles Handeln Gottes in der Liebe seinen Ursprung hat und von Liebe durchdrungen ist: Alles was Gott tut, tut er aus Liebe und mit Liebe, auch wenn wir nicht immer sofort verstehen, dass dies Liebe ist, wahre Liebe.
Quelle: Evangelizo