Tagesevangelium

Hl. John Henry Newman

Die Heimkehr Christi zu seinem Vater bereitet Schmerz, denn sie bedeutet seine Abwesenheit, und gleichzeitig Freude, denn sie schließt seine Gegenwart ein. Die Lehre von seiner Auferstehung und Himmelfahrt ist Ursache für diese paradoxalen Erfahrungen im Christentum, die in der Schrift so oft genannt werden: dass wir nämlich betrübt sind und uns trotzdem gleichzeitig freuen, denn „wir haben nichts und haben doch alles“ (vgl. 2 Kor 6,10). Das ist nämlich wirklich unsere gegenwärtige Situation: Wir haben Christus verloren und haben ihn gefunden; wir sehen ihn nicht und können ihn trotzdem erkennen. Wir umfassen seine Füße (vgl. Mt 28,9), doch er sagt zu uns: „Halte mich nicht fest.“ (Joh 20,17). Wie kann das sein? Weil wir seine Person nicht mehr spürbar und bewusst wahrnehmen; wir können ihn nicht ansehen, nicht hören, uns nicht mit ihm unterhalten, ihm nicht von Ort zu Ort folgen. Dennoch erfreuen wir uns auf geistliche, unkörperliche, innerliche Weise, im Geist und real seines Anblicks und besitzen ihn: wir besitzen ihn realer und er ist uns gegenwärtiger, als es bei den Aposteln der Fall war in den Tagen seines irdischen Leibes, eben genau deshalb, weil dieser sein Leib jetzt geistlich, weil er unsichtbar ist. In dieser Welt gilt, wie wir wissen: je näher uns ein Gegenstand ist, desto weniger können wir ihn wahrnehmen und erfassen. Christus ist uns in der christlichen Kirche so nahegekommen, dass wir, wenn ich so sagen darf, nicht mehr den Blick auf ihn heften, noch seine Umrisse unterscheiden können. Er tritt bei uns ein und nimmt das Erbe in Besitz, das er sich erworben hat. Er stellt sich uns nicht vor, doch er führt uns zu sich. Er macht uns zu seinen Gliedern. […] Wir sehen ihn nicht, wir erkennen seine Gegenwart nur aus dem Glauben heraus, denn er ist größer als wir und in uns gegenwärtig. Wir sind deshalb traurig, weil uns das Bewusstsein seiner Gegenwart fehlt […], und wir freuen uns, weil wir wissen, dass wir ihn besitzen: „Ihn habt ihr nicht gesehen, und dennoch liebt ihr ihn; ihr seht ihn auch jetzt nicht; aber ihr glaubt an ihn und jubelt in unsagbarer, von himmlischer Herrlichkeit verklärter Freude, da ihr das Ziel des Glaubens erreichen werdet: euer Heil.“ (1 Petr 1,8–9).

Quelle: Evangelizo

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