„Am Sabbat lehrte Jesus in einer Synagoge. Und siehe, da war eine Frau, die seit achtzehn Jahren krank war, weil sie von einem Geist geplagt wurde; sie war ganz verkrümmt und konnte nicht mehr aufrecht gehen.“ Sie konnte nicht mehr nach oben schauen. Der Sünder, der nur mit irdischen Dingen beschäftigt ist und nicht nach den himmlischen strebt, ist nicht in der Lage, nach oben zu schauen. Da er seinen Begierden folgt, die ihn nach unten ziehen, verliert seine Seele ihre aufrechte Haltung und krümmt sich; so sieht er nur noch das, woran er ständig denkt. Gebt wieder auf euer Herz acht, geliebte Brüder, und prüft immer wieder die Gedanken, die unaufhörlich in eurem Kopf kreisen! Der eine denkt an Ehre, der andere an Geld, wieder ein anderer an die Mehrung seines Vermögens. Das sind alles profane Dinge, und wenn der Geist sich darin verliert, krümmt er sich und verliert seine aufrechte Haltung. Und weil er sich nicht wieder aufrichtet, um nach himmlischen Gütern Ausschau zu halten, gleicht er der gekrümmten Frau, die ganz und gar nicht nach oben schauen kann. […]
Der Psalmist beschreibt unser Gekrümmtsein sehr treffend, wenn er von sich selbst – sinnbildlich für das ganze Menschengeschlecht – sagt: „Ich bin gekrümmt und tief gebeugt“ (Ps 37(38),7). Er bedachte, dass der Mensch, obwohl er dazu geschaffen wurde, das Licht aus der Höhe zu betrachten, aufgrund seiner Sünden aus dem Paradies vertrieben wurde und dass seitdem die Finsternis in seiner Seele herrscht. Sie raubt ihm das Verlangen nach den himmlischen Dingen und lenkt seine ganze Aufmerksamkeit auf Irdisches. […] Verlöre der Mensch das Himmlische aus den Augen und dächte nur noch an die Erfordernisse dieser Welt, so wäre er gewiss gekrümmt und gebeugt, aber noch nicht „tief“. Da nun nicht nur ein Zwang seine Gedanken abstürzen lässt […], sondern dazu noch die verbotene Lust ihn zu Boden drückt, ist er nicht nur gebeugt, sondern „tief gebeugt“.
Quelle: Evangelizo