„Das ist mein Geliebter, ja, das ist mein Freund, ihr Töchter Jerusalems“ (Hld 5,16). Die Braut des Hohenliedes zeigt uns den, der von ihr gesucht wird, und sagt: „Das ist er, den ich suche: der aus dem jüdischen Land hervorging, um unser Bruder zu werden. Er wurde zum Freund dessen, der von Räubern überfallen worden war: Er behandelte seine Wunden mit Öl und Wein und verband sie; er hob ihn auf sein Reittier; er brachte ihn in einer Herberge unter; er gab zwei Silberstücke für seine Pflege aus; er versprach, bei seiner Rückkehr zu bezahlen, was an Mehrkosten anfallen würde“. Jede Einzelheit hat hier eine einleuchtende Bedeutung.
Der Gesetzeslehrer stellte den Herrn auf die Probe und wollte zeigen, dass er über den anderen stehe. In seinem Dünkel missachtete er jede Gleichheit mit anderen und sagte: „Und wer ist mein Nächster?“ Das göttliche Wort legt ihm sodann in Form einer Erzählung die ganze heilige Geschichte der Barmherzigkeit dar und erzählt vom Sündenfall des Menschen, vom Hinterhalt der Wegelagerer, vom Raub des unvergänglichen Gewandes [der Gnade], von den Wunden der Sünde, vom Eindringen des Todes in den einen Teil unserer Natur (da unsere Seele unsterblich geblieben ist) und vom vergeblichen Wirken des Gesetzes (da weder der Priester noch der Levit die Wunden dessen versorgte, der in die Hände der Räuber gefallen war).
Denn „das Blut von Stieren und Böcken kann unmöglich Sünden wegnehmen“ (Hebr 10,4); nur einer konnte dies tun, er, der die gesamte menschliche Natur angenommen hat – die Natur der Juden, der Samariter, der Griechen, kurz: die Natur der ganzen Menschheit. Mit seinem Leib, der das Reittier ist, begab er sich an den Ort des menschlichen Elends. Er heilte die Wunden des Menschen, hob ihn auf sein Reittier und machte aus seiner Barmherzigkeit eine Herberge, in der alle, die mühselig und beladen sind, Ruhe finden (vgl. Mt 11,28).
Quelle: Evangelizo