Tagesevangelium

Wilhelm von Saint-Thierry

Du, der du meine Zuflucht und meine Stärke bist, führe mich, wie einst deinen Diener Mose, ins Innerste deiner Wüste, dorthin, wo der Dornbusch brennt, ohne zu verbrennen (vgl. Ex 3), dorthin, wo die Seele […], überwältigt vom Feuer des Heiligen Geistes, zu glühen beginnt wie ein brennender Seraph – nicht verbrennend, sondern sich läuternd. […]

Dort, wo man es nicht aushält und wo man erst dann weiterkommen kann, wenn man die Sandalen fleischlicher Fesseln gelöst hat […], dort, wo derjenige, der ist, sich zwar nicht so sehen lässt, wie er ist, doch wo man ihn sagen hört: „Ich bin, der Ich bin!“. Dort muss man sich zwar immer noch das Gesicht verhüllen, um dem Herrn nicht ins Angesicht zu schauen, doch soll man sich dort in demütigem Gehorsam darin üben, das Ohr zu neigen, um verstehen zu können, was der Herr, sein Gott, leise in einem spricht.

Doch bis dahin, Herr, „birg mich im Schatten deines Zeltes“ am Tag des Unheils; „beschirme mich im Schutz deines Angesichts, vor dem Gezänk der Zungen“ (Ps 26(27),5; Ps 30(31),21). Denn dein so sanftes Joch und deine so leichte Last (vgl. Mt 11,28) hast du mir auferlegt. Und wenn du mich den Unterschied zwischen deinem Dienst und dem Dienst der irdischen Reiche spüren lässt, dann fragst du mich mit zärtlicher und sanfter Stimme, ob es angenehmer sei, dir, dem lebendigen Gott, zu dienen als den fremden Göttern (vgl. 2 Kön 12,8). Und so verehre ich die Hand, die auf mir lastet […], und ich sage zu dir: „Zu lange schon haben fremde Herren mich beherrscht! Dir allein will ich gehören, gerne nehme ich dein Joch auf mich, deine Last drückt mich nicht nieder: Sie richtet mich auf.“

Quelle: Evangelizo

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