Tagesevangelium

Sel. Maria-Eugen vom Kinde Jesus

Der Christ [muss sich] auf die Heimsuchungen der göttlichen Liebesweisheit vorbereiten. Wenn die Selbsthingabe die Weisheit anlockt, zieht die Demut sie unwiderstehlich auf sich herab. Das können wir mit aller Klarheit am Verhalten des Herrn ablesen. […]
Einerseits lässt Jesus die wichtigsten Wahrheiten zu seiner Person im Halbschatten; andererseits lässt er sich von bestimmten Personen gleich im ersten Jahr seines öffentlichen Wirkens sein Geheimnis schier entreißen. […] Nikodemus ist ein Gesetzeslehrer und Mitglied des Hohen Rates; er gehört zur sozial gehobenen, religiösen Gesellschaftsschicht Jerusalems. Wie so manche seiner Kollegen hat er Jesus auf seiner ersten Reise nach Jerusalem wohlwollend zugehört. Doch muss er besonders berührt worden sein, denn er, der Schriftgelehrte, will Jesus, den Ungelehrten, aufsuchen und ihm Fragen stellen. Er tut es bei Nacht – vielleicht aus Furcht; dennoch ist ihm dieser Schritt in Anbetracht seiner Stellung hoch anzurechnen! Es entspinnt sich ein angeregtes Gespräch. […] Jesus scheint den Fragen des Nikodemus zuvorzukommen. […] Jesu Rede ist anspruchsvoll, seinem Gesprächspartner angepasst. Nikodemus begreift immer weniger. „Wie kann das geschehen?“ Jesus antwortet: „Du bist der Lehrer Israels und verstehst das nicht?“ Das Wort trifft ihn hart. Er, der Gesetzeslehrer muss sich das von einem ungelehrten Mann sagen lassen! Nikodemus aber nimmt es ohne Widerrede hin. Er lauscht jetzt und begreift. Die Demütigung hat ihm den geistigen Zugang geöffnet; und in die heilbringende Wunde gießt Jesus flutendes Licht.

Quelle: Evangelizo

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