Nun kam unser Herr an den Teich [Betesda]; er fand einen Siechen dort liegen, der war achtunddreißig Jahre krank gewesen; zu dem sprach der Herr: „Willst du gesund werden?“ [...] Darauf müssen wir sehr achten, dass dieser Sieche so lange und so viele Jahre dort gelegen hat. Dieser Mensch war für Gottes Verherrlichung und nicht für den Tod bestimmt (Joh 11,14).<!--more--> Oh, wer diesem Grund wohl nachginge in der wahren Geduld, mit der dieser Sieche achtunddreißig Jahre gewartet hatte, bis ihn Gott selbst gesund machte und gehen hieß!
Dies richtet sich gegen die Leute, die, sobald sie eines besonderen Lebens gewürdigt und ihnen dann nicht sogleich große Gnaden erwiesen werden, alles für verloren halten; sie beklagen sich vor Gott ganz so, als ob er ihnen Unrecht tue! O wie wenig Menschen besitzen diese edle Tugend, sich zu lassen*, in Geduld zu fassen, sich für das zu halten, was sie sind, und ihre Schwachheit, ihre Gefangenschaft, ihre Prüfung zu erdulden, bis der Herr selbst sie gesund macht. […] Welche Gewalt, welche Herrschaft würde diesem Menschen zuteil! Zu ihm würde in Wahrheit gesagt: „Steh auf! Du sollst von nun an nicht mehr liegen, du sollst aller Gefangenschaft ledig und entbunden sein, in Freiheit wandeln, sollst in Wahrheit dein Bett, das dich zuvor trug, das sollst du nun aufheben und tragen in Macht und Kraft.“ Wen der Herr selber so erlöste, der würde gar wohl erlöst und wandelte in Freuden und käme nach dieser Zeit des Wartens in eine wunderbare Freiheit, die all denjenigen entgeht, die glauben, sich selber erlösen zu können, und ausbrechen vor der Zeit.