„Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, führen wir uns selbst in die Irre und die Wahrheit ist nicht in uns“ (1 Joh 1,8). Für die großen, die heiligen Seelen ist diese Beteuerung einleuchtend. Sie erkennen ja ihre Mängel und Fehler klarer, weil sie Gott, der Sonne der Gerechtigkeit und der makellosen Heiligkeit, näher stehen. Der Glanz, die Helligkeit göttlichen Lichtes, in dem sie wandeln, lassen ihre geringsten Schwächen durch den Gegensatz greifbarer hervortreten; ihr innerer, durch Glauben und Liebe gereinigter Blick dringt tiefer in die göttlichen Vollkommenheiten, sie haben einen ungetrübteren Blick für ihre eigene Nichtigkeit und ermessen besser den Abgrund, der sie vom Unendlichen trennt. […]
Und es liegt in ihrer ständigen Zerknirschung und Verabscheuung der Sünde ein fortwährender Beweis übernatürlichen Zartgefühls, das unfehlbar Gottes Wohlgefallen und die unendliche Barmherzigkeit des Heilandes auf diese Seele herabziehen muss. Im Übrigen ist jedoch dieser Seelenzustand, wie man es im ersten Augenblick glauben könnte, keineswegs unvereinbar mit Vertrauen und geistlicher Freude, mit Beweisen der Liebe und des Wohlgefallens an Gott. Ganz im Gegenteil! […] Weit davon entfernt, dass Liebe und Freude in der anhaltenden Reuegesinnung, welche die Zerknirschung ausmacht, ein Hindernis finden, stützen sie sich vielmehr darauf als auf den festesten Grund, von dem aus ihr Höhenflug den Ausgangspunkt nimmt.
Quelle: Evangelizo