Tagesevangelium

Hl. Gregor der Große

Sehr oft sieht sich der Gerechte, wenn er von Widrigkeiten überwältigt wird, dazu genötigt, auf seine guten Werke zu verweisen, so wie der selige Ijob, der nach einem gerechten Leben von Plagen heimgesucht wurde; der Ungerechte aber, wenn er die Worte des Gerechten hört, sieht darin eher Hochmut als Aufrichtigkeit. Er beurteilt die Worte des Gerechten nämlich mit seinem eigenen Herzen und kann sich nicht vorstellen, dass der Weise diese Worte in Demut gesprochen haben könnte. Wenn es auch tatsächlich ein schweres Vergehen ist, sich etwas anzumaßen, was man nicht ist, so ist es doch sehr oft kein Vergehen, die Tugend, die man besitzt, in Demut zu erwähnen. Es kommt also häufig vor, dass Gerechte und Ungerechte die gleichen Worte benutzen, doch ihre Herzen unterscheiden sich immer grundlegend, und je nachdem, ob sie vom Ungerechten oder Gerechten kommen, beleidigen oder besänftigen die gleichen Worte den Herrn. So sprach der Pharisäer, der den Tempel betrat: „Ich faste zweimal in der Woche und gebe den zehnten Teil meines Einkommens.“ Doch der Zöllner war es, der den Tempel gerechtfertigt verließ, nicht er. Auch König Hiskija sprach, schwer von Krankheit gezeichnet und dem Ende seines Lebens nahe, in seinem reumütigen Gebet: „Ach Herr, denk daran, dass ich in Treue und mit ungeteiltem Herzen vor dir gegangen bin“ (Jes 38,3). Der Herr begegnet dieser Erklärung der eigenen Vollkommenheit jedoch weder mit Geringschätzung noch mit Ablehnung: Er erhört sein Gebet sofort. Da haben wir also einerseits den Pharisäer, der sich in seinen Werken für gerecht erklärte, und andererseits Hiskija, der behauptete, sogar in seinen Gedanken gerecht zu sein: Beide zeigen das gleiche Verhalten, doch der eine beleidigte den Herrn, während der andere ihn besänftigte. Warum ist das so?
Weil der allmächtige Gott die Worte eines jeden von uns nach unserer Gesinnung abwägt und sein Ohr keine Überheblichkeit in Worten wahrnimmt, die aus der Demut des Herzens kommen. So war auch der selige Ijob, als er seine guten Werke darlegte, keineswegs hochmütig Gott gegenüber, da er in Demut vorbrachte, was er wirklich getan hatte.

Quelle: Evangelizo

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