Tagesevangelium

Wilhelm von Saint-Thierry

Herr, meine elende Seele ist nackt, eiskalt und erstarrt. Sie sehnt sich danach, von der Glut deiner Liebe erwärmt zu werden … In der ungeheuren Weite meiner Wüste, im Ausmaß der Vergeblichkeit meines Herzens lese ich nicht Holz auf wie die Witwe von Sarepta, sondern nur diese Zweiglein hier. Ich will mir etwas zu essen machen mit der Handvoll Mehl und dem bisschen Öl im Krug, und dann heimgehen und sterben (vgl. 1Kön 17,10f). Oder besser gesagt, ich werde nicht so schnell sterben, nein, Herr, „ich werde nicht sterben, sondern leben, um die Taten des Herrn zu verkünden“ (Ps 117(118),17).

Ich bleibe also in meiner einsamen Behausung … und öffne, Herr, meinen Mund zu dir hin; ich bemühe mich um Inspiration. Und manchmal, Herr, … legst du mir etwas in den Mund meines Herzens; aber du willst nicht, dass ich weiß, was es ist. Ich weiß nur, dass ich etwas so Köstliches, Süßes, Tröstendes schmecke …, dass ich nichts anderes mehr ersehnen mag. Doch lässt du mich nicht begreifen, was es ist, weder durch Einsicht noch durch Verstand …; ich möchte es festhalten, wiederkäuen, genießen, doch schon ist es wieder fort … Die Erfahrung lehrt mich, was du im Evangelium über den Geist sagst: „Man weiß nicht, woher er kommt und wohin er geht …; der Geist weht, wo er will“ (vgl. Joh 3,8). Und ich entdecke in mir, dass er nicht weht, wenn ich will, sondern wenn er will …

Zu dir allein soll ich meine Augen erheben (vgl. Ps 122(123),1), zu dir, der „Quelle des Lebens“, um nur „in deinem Licht das Licht zu schauen“ (vgl. Ps 35(36),10). Zu dir also, Herr, zu dir sind meine Augen erhoben … Doch wie lange wirst du noch zögern, wie lange noch soll sich meine Seele nach dir ausstrecken, elend, bang und erschöpft? Ich bitte dich, „birg mich im Schutz deines Angesichts vor den Verschwörungen der Menschen; bewahre mich in deinem Zelt vor dem Gezänk der Zungen“ (vgl. Ps 30(31),21).

Quelle: Evangelizo

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