Tagesevangelium

Guigo von Kastell

„Du, Herr, den niemand sehen kann, außer denen, die reinen Herzens sind (Mt 5,8), ich suche durch Lesen und Meditieren, was wahre Reinheit des Herzens ist und wie man sie erlangen kann, um durch sie fähig zu werden, dich zu erkennen, und sei es auch nur ein wenig. Ich habe dein Angesicht gesucht, Herr, ich habe dein Angesicht gesucht (vgl. Ps 27,8). Lange habe ich in meinem Herzen betrachtet, und dabei ist ein Feuer in mir entbrannt: das Verlangen, dich besser kennenzulernen. Wenn du das Brot der Heiligen Schrift für mich brichst, erkenne ich dich in diesem Brotbrechen (Lk 24,30-35). Und je besser ich dich kenne, desto mehr sehne ich mich danach, dich zu erkennen, nicht nur in der Hülle des Buchstabens, sondern im Geschmack der Erfahrung.

„Das erbitte ich nicht, Herr, wegen meiner Verdienste, sondern wegen deiner Barmherzigkeit. Ich bekenne vielmehr, dass ich ein Sünder und unwürdig bin, aber ‚auch die kleinen Hunde essen von den Brotkrumen, die vom Tisch ihrer Herren fallen‘. Gib mir also, Herr, das Unterpfand des künftigen Erbes, wenigstens einen Tropfen des himmlischen Regens, um meinen Durst zu stillen, denn ich brenne vor Liebe.“ […]

Mit solchen Worten ruft die Seele ihren Bräutigam. Und der Herr, der auf die Gerechten schaut und nicht nur ihr Beten hört, sondern in diesem Beten gegenwärtig ist, wartet nicht bis zum Ende desselben. Er unterbricht es mitten in seinem Verlauf; er erscheint plötzlich, er eilt der Seele, die ihn ersehnt, entgegen, vom sanften Himmelstau triefend wie vom kostbarsten Parfüm. Er erquickt die müde Seele, nährt die hungrige und stärkt ihre Schwachheit, er belebt sie, indem er sie abtötet durch ein wundersames Vergessen ihrer selbst, er macht sie nüchtern, indem er sie berauscht.

Quelle: Evangelizo

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