Tagesevangelium

Hl. Theresia vom Kinde Jesu

Ich hätte Ihnen, meine liebe Mutter, von den Einkehrtagen berichten sollen, die meiner Profess vorangingen. Sie brachten mir keinerlei Trost; vollständige geistliche Trockenheit und beinahe Gottverlassenheit hatten mich heimgesucht. Wie gewöhnlich schlief Jesus in meinem kleinen Boot. Ach ja, ich sehe wohl, dass die Seelen ihn sehr selten ruhig bei sich schlafen lassen. Jesus ist es so müde, sich ständig zu bemühen und zu verausgaben, dass er die Erholung, die ich ihm anbiete, gern annimmt. Zweifellos wird er nicht vor meiner großen Einkehr in die Ewigkeit aufwachen; doch das bereitet mir keinen Kummer, sondern im Gegenteil große Freude.

Ich bin wahrhaftig weit davon entfernt, eine Heilige zu sein; das allein ist schon Beweis genug dafür. Anstatt mich über meine geistliche Trockenheit zu freuen, sollte ich sie vielmehr meinem Mangel an Eifer und Treue zuschreiben; ich sollte traurig darüber sein, dass ich (seit sieben Jahren) während des inneren Gebets und der Danksagung einschlafe. Nun, ich bin nicht traurig: Ich denke vielmehr, dass die kleinen Kinder ihren Eltern genauso gut gefallen, wenn sie schlafen, wie wenn sie wach sind. Und ich denke auch daran, dass die Ärzte ihre Patienten vor Operationen einschlafen lassen. Und schließlich meine ich, dass „der Herr unsere Gebrechlichkeit kennt und daran denkt, dass wir nur Staub sind“ (vgl. Ps 102 (103),14).

Meine Professexerzitien verbrachte ich also, übrigens wie alle folgenden, in großer geistlicher Trockenheit. Und doch zeigte mir der gute Gott deutlich, jedoch ohne dass ich es bemerkte, wie ich ihm gefallen und die erhabensten Tugenden üben könne. Ich durfte oft feststellen, dass Jesus mir keine Vorräte geben will: Er gibt mir jeden Augenblick eine ganz neue Nahrung zu essen. Ich finde sie in mir vor, ohne zu wissen, wie sie dahin gekommen ist. Ich glaube ganz einfach, dass Jesus selbst, verborgen in meinem armen kleinen Herzen, mir die Gnade erweist, in mir zu wirken und mir einzugeben, was er im jeweiligen Augenblick von mir will.

Quelle: Evangelizo

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