Tagesevangelium

Hl. Hildegard von Bingen

In der Demut, die meine Gehilfin ist, ging auf Anordnung Gottes die Schöpfung hervor. In derselben Demut hat Gott sich zu mir herabgeneigt, um die trockenen Blätter [die Menschen], die abgefallen waren, in der Glückseligkeit emporzuheben, in der Er alles tun kann, was Er will. Weil Er jene aus Erde geformt hatte, hat Er sie daher auch nach ihrem Fall erlöst. […] Alles was Gott gewirkt hat, hat Er in Liebe, in Demut und in Frieden vollendet, damit auch der Mensch die Liebe hochschätzt, nach der Demut strebt und Frieden hält, um nicht mit dem zugrunde zu gehen, der diese Tugenden sofort bei seinem Entstehen verhöhnte. […] Diese Tugenden sind nicht von der Gottheit getrennt, wie eine Wurzel nicht vom Baum getrennt ist. Denn Gott ist in Seinem Wesen die Liebe und hält in all seinen Werken und Urteilen an der Demut fest. Die Liebe und die Demut nämlich stiegen mit dem Sohn Gottes auf die Erde hernieder und führten Ihn, als Er zum Himmel zurückkehrte, dorthin zurück. […] Die Liebe (caritas) brennt in himmlischer Liebe (amor) wie Purpur, die Demut schüttelt den Schmutz der Erde im weißen Glanz der Rechtschaffenheit von sich ab. […] Die Liebe ist der Schmuck der Werke Gottes, wie ein Ring von einem edlen Stein geschmückt wird. Die Demut aber zeigt sich offen im Sohn Gottes, der aus dem unversehrten Stern des Meeres [Maria] sich erhob. […] Die Demut […] raubt oder nimmt niemandem etwas, sondern bewahrt alles in der Liebe. In ihr hat Gott sich zur Erde herabgeneigt, und durch sie hat er alle Tugendkräfte gesammelt.

Quelle: Evangelizo

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