Als der liebreiche Sohn Gottes seine göttlichen Augen zum Himmel erhob und sprach: „Vater, verherrliche deinen Sohn“ (Joh 17,1), da lehrte er uns hierdurch, dass wir alle unsere Sinne, unsere Hände und Kräfte und unser Gemüt in die Höhe richten und in ihm, mit ihm und durch ihn beten sollen.<!--more--> Dies war das allerliebevollste, allerwürdigste Werk, das der ewige Gottessohn hier auf Erden vollbrachte, dass er seinen geliebten Vater anbetete. Das geht weit über alle Denkart hinaus, und wir können auf keine Weise dahin gelangen noch es vestehen, es sei denn im Heiligen Geist. Von diesem Gebet sagen Sankt Augustin und Sankt Anselmus, es sei „ein Aufstieg der Seele zu Gott“. [...]
Ich aber sage dir eins: Kehre dich in Wahrheit von dir selber und allen geschaffenen Dingen ab, und richte deinen Geist gänzlich auf Gott über alle Geschöpfe (hinweg) in den tiefen Abgrund; da versenke deinen Geist in Gottes Geist […], in wahrer Vereinigung mit Gott. […] Und nun bitte Gott um all das, worum er gebeten sein will, um alles, was du begehrst und was alle Menschen von dir begehren. Und wisse: So gering ein kleiner unscheinbarer Heller gegen hunderttausend Mark Goldes ist, ebenso gering ist alles äußere Gebet gegen dieses, das wahre Einigung mit Gott ist und heißt, ein Versinken des geschaffenen Geistes in den ungeschaffenen Geist Gottes und seine Verschmelzung mit ihm.
Es ist auch gut, dass du das, worum du gebeten worden bist, in der äußeren Art [des mündlichen Gebets], wie du geheißen wurdest und wie du es versprochen hast, betest. Und mit und in diesem äußeren Gebet richte deinen Geist in die Höhe und in die innere Öde; dorthin treibe mit Mose alle deine Schafe (vgl. Ex 3,1). […] „Die wahren Beter werden den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten“ (vgl. Joh 4,23). In diesem innerlichen Gebet werden all die Übungen, Werke und Weisen vollbracht, die von Adams Zeiten an dargebracht worden sind und bis zum Jüngsten Tag es noch werden: Das vollbringen diese Anbeter in einem Augenblick mit dieser wahren, wesentlichen Einkehr.