„Mein Geist wird kraftlos“ (Ijob 17,1 Vulg). Der Geist wird kraftlos in der Furcht vor dem Gericht, denn je näher sich die Seele des Auserwählten dem letzten Gericht wähnt, desto mehr zittert sie vor Schrecken bei ihrer Gewissenserforschung, und wenn sie in sich manch fleischlichen Gedanken entdeckt, so verzehrt sie diese im Feuer der Buße. […] Der Auserwählte bekämpft seine Schuld umso schonungsloser, je strenger er den Richter erwartet, der schon ganz nahe ist.
Daher kommt es, dass die Auserwählten ihr Ende stets nahe glauben. Denn die Seele des Verworfenen verhält sich oft ruchlos, weil sie meint, noch lange in dieser Welt zu leben. So wird der Geist des Gerechten kraftlos und der Geist des Ungerechten stark. Denn dadurch, dass er sich vor Stolz aufbläht, kennt er die Kraftlosigkeit seines Geistes nicht. Der Gerechte aber, der die Kürze seines Lebens bedenkt, wendet sich ab von den Sünden des Stolzes und der Unreinheit. Daher der Zusatz: „Meine Tage gehen zu Ende und einzig das Grab bleibt mir übrig“. Wer bedenkt, was er im Tode sein wird, handelt nie ohne Furcht, und indem er in seinen eigenen Augen sozusagen schon nicht mehr lebendig ist, lebt er umso wirklicher in den Augen dessen, der ihn gebildet hat. […]
In dieser wachsamen Askese entgeht der Gerechte den Fallstricken der Sünde. Daher das Wort der Schrift: „Bei allem, was du tust, gedenke deines Endes, so wirst du in Ewigkeit nicht sündigen“ (Sir 7,40 Vulg.).
Quelle: Evangelizo